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Nur ein Mensch - Wie ein Mädchen mit angolanischen Wurzeln in Deutschland aufwächst

Text Minusch Afonso entnommem der Webseite Jugendnetz des Landes Baden - Würtemberg.

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Ein achtjähriges schwarzes Mädchen wird vom Sportunterricht für ein Fotoshooting befreit. Sie soll eine Deutsche Mark direkt an die Linse des Apparates halten und „neutral“ in die Kamera gucken. Vier Jahre später dient die Kleine als Werbegesicht für eine Hilfsorganisation – obwohl sie nie Hilfe benötigt hat. Es ist das erste Mal, dass sich das Kind im eigenen Geburtsland fremd fühlt. Bei diesem Mädchen handelt es sich um mich, Minusch Afonso. Vor 21 Jahren sind meine Eltern von Angola nach Bayern gezogen. Inzwischen lebe ich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern in Freiburg. Auch wenn ich mein ganzes Leben in Deutschland gelebt habe, fühle ich mich als Angolanerin. Wahrscheinlich, weil ich nie das Gefühl bekommen habe, hier wirklich dazuzugehören.


Im bayrischen Städtchen Dinkelsbühl, wo ich bis zur dritten Klasse gewohnt habe, war Rassismus täglich am Start. Sei es im Kindergarten, beim Bäcker, bei dem wir unsere Brötchen holten, oder eben in der Schule. Leute zeigten mit dem Finger auf uns oder scheuten sich nicht, negative Bemerkung wie „Ihhh Schwarz“ oder „Guck mal, das sind ja Afrikaner“ mitzuteilen.


„Habt ihr schon einmal etwas von Rassismus gehört?“
Diese Frage hat meine Geschichtslehrerin beim Thema Kolonialismus neulich erst in den Raum geworfen. Als sei Rassismus ein Mythos, ein Märchen, das sich irgendjemand ausgedacht hat. Keiner gab darauf eine Antwort. Woran das lag, kann ich nicht sagen. Ob es Unwissenheit ist oder das Thema Rassismus als Tabu gilt? Ich selbst habe nicht geantwortet, weil ich die Frage lächerlich fand. Rassismus war immer da und ist immer noch da!


Bevor ich in den Kindergarten gekommen bin, gab es für mich nur meine Eltern und meinen älteren Bruder. Wir lebten in einem Asylwohnheim und da dort ebenfalls nur Schwarze gelebt haben, sagte mir der Unterschied zwischen „Schwarz“ und „Weiß“ zunächst nichts. Im Kindergarten angekommen, musste ich feststellen, dass „etwas nicht mit mir stimmte“. Fragen wie: „Wieso bist du hier weiß und da braun?“ oder „Warum hast du keinen Pony und krauses Haar?“ gehörten zum Tagesprogramm. Als Dreijährige können einem Fragen, die einen selbst betreffen, auf die man aber keine Antwort weiß, ganz schön zu schaffen machen. Nach einigen Monaten gewöhnten sich die anderen Kinder an mich, mir fiel ein Stein vom Herzen. Mein Bruder, der vor mir schon den Kindergarten besuchte, war bereits von den anderen akzeptiert. Ich musste sie erst noch überzeugen, dass auch ich „nur“ ein Mensch bin.


Ähnliche Situationen gibt es bis heute noch.
Viele weiße Deutsche sind mir gegenüber schlicht unsicher – manche sind sich dessen bewusst, andere nicht. Wenn etwa eine weiße Deutsche mit einer Schwarzen befreundet ist, fällt es ihr oft schwer, weitere Dunkelhäutige als „Menschen“ anzunehmen. Konkret: Wenn ich Freunde zu mir nach Hause einlade und diese feststellen, dass es „mehr von mir“ gibt, merke ich an der Häufigkeit weiterer Besuche, ob sie mit anderen Schwarzen zurechtkommen oder sie ganz einfach mit der Situation überfordert sind. Sätze wie „Gehen wir morgen zu mir?“ oder die Erkenntnis, dass ich öfter bei ihr bin als sie bei mir, geben mir die indirekte Bestätigung.


Die Grundschule war für mich anfangs ein reiner Ort der Demütigung.
Schüler, die mich als „Neger“ beschimpften und Lehrer, die nichts Besseres zu tun hatten, als sich sinnlose Ausreden für diese Kinder, die ich teilweise nicht einmal kannte, auszudenken. „Sei nicht traurig, es ist ja nicht böse gemeint.“ Ein Verbot für solche Beschimpfungen haben sie hingegen nicht ausgesprochen. Wandertage und Schulausflüge waren eine Qual. Das berühmte Händchenhalten war angesagt. Viele wollten mich, aus Angst „schmutzig“ zu werden, nicht anfassen. „Dann lauf eben allein“, bekam ich von einer Lehrkraft zu hören. Während ich da so einsam schlenderte, hörte ich das Getuschel der Mädchen, die vor mir liefen: Wie froh sie doch seien, dass sie sich haben und mich nicht an die Hand nehmen müssen. Auf dem Heimweg von der Schule wurde ich dann oft von Kindergartenkindern beschimpft. Sie bezeichneten mich als „Hundescheiße“ und alles Widerliche, was braun ist und ihnen einfiel. Ihre Betreuerinnen hatten – wenn sie mal was sagten – immer denselben Satz parat: „Nein, ihr dürft nur so was wie Schokolade sagen, weil die schmeckt gut.“ Als ob das viel besser wäre.


„Neger“ – ein Wort das gerne verwendet und in Deutschland bei vielen nach wie vor nicht als schlimmer Ausdruck angesehen wird. Bei gewöhnlichen Sätzen schleicht es sich gerne ein: ,,Boa, seit meinen Urlaub bin ich schwarz wie ein Neger!“ „Hol doch deine Sachen selber, bin ich denn dein Neger?“ Nicht umsonst wurden Begriffe wie „Negerkuss“ oder „Mohrenkopf“ verbannt. Mohr ist eine seit dem Mittelalter verwendete Bezeichnung für Menschen mit dunkler Hautfarbe und wurde genau wie Neger in Zeiten der Sklaverei verwendet – also in Zeiten, die offensichtlich vorbei sind. Es ist ungefähr so, als würde man alle Deutsche nach wie vor als „Nazis“ bezeichnen. Neger und Mohr sind Begriffe, die definitiv einen rassistischen Nachklang beinhalten. Sollte sich also ein Schwarzer aufregen, wenn die sogenannte ,,N-Bombe“ geworfen wird, ist das kein Wunder, oder?


Nach jahrelangen Ausgelachtwerden wegen neuer afrikanischer Frisuren aller Art, die mir meine Mutter in den Ferien machte, stellte ich nach unserem Umzug in einen anderen Landkreis fest, dass viele dort meine Haartracht sehr cool fanden und überaus glücklich waren, ein schwarzes Mädchen in ihrer Klasse zu haben. Plötzlich gehörte ich sogar zu einer Spicegirlscoverband.


In der neuen Stadt Gunzenhausen war und ist die „Schwarze Kultur“ durch Basketball und Black Music bei den jungen Leuten sehr beliebt, weswegen ich dort von Gleichaltrigen nie eine rassistische Äußerung hörte. Wohl aber während meiner Ausbildung und im sechsten Schuljahr. Dass mich Arbeitskollegen fragten, ob wir zu Hause Rhinozerosse oder Zebras essen, darüber konnte ich ja fast noch lachen. Sätze wie: „Ich muss mal nen Neger abseilen!“ habe ich meistens einfach ignoriert. Aber manche Patienten trieben es dann doch sehr weit: Sie machten mir deutlich, dass sie nicht von mir behandelt werden wollten oder ich ihnen besser gesagt ein Dorn im Auge war. Ältere Patienten löcherten mich, ob ich ein Flüchtling bin, mutmaßten, dass ich keine Zulassungspapiere habe und erklärten, dass in Deutschland jemand wie US-Präsident Barack Obama niemals eine Chance gehabt hätte.
Im sechsten Schuljahr kamen neue Schüler vom Nachbardorf in meine Klasse, zu dieser Zeit wechselten viele meiner Schulkameraden auf Gymnasien oder Realschulen. Es war für mich sehr schwer, neuen Anschluss zu finden. Als ich nach wenigen Wochen eine vermeintliche „Beste Freundin“ fand, musste ich feststellen, dass sie böse Absichten hatte. Sie hetzte die ganze Klasse auf mich. Die Schüler spielten verrückt, sie riefen Sätze wie „Ausländer raus!“ und beschimpften mich grundlos. Ich fühlte mich so allein.


Meine Klassenlehrerin erkrankte zu dieser Zeit und aufgrund unzähliger Vertretungslehrer ergab sich nicht die Möglichkeit, ihr von den Anfeindungen zu erzählen. Ein Vertretungslehrer wurde hellhörig und benachrichtigte sofort meine Lehrerin. Erst meinte sie, ich solle versuchen,
mit meinen Problemen selbst klarzukommen. Letztendlich entschied sie sich aber für einen Schulpsychologen. Dieser sprach zur ganzen Klasse und versuchte, Lösungen für das schlechte Klassenklima zu finden. So schnell wie die plötzlichen Anfeindungen meiner Klassenkameraden da waren, waren sie auch wieder weg. Bis heute kann ich mir nicht erklären, warum meine Schulkollegen sich damals anfangs gegen mich gewendet haben.
Solche und ähnliche Erlebnisse hat auch eine Freundin von mir in Nordrhein-Westfalen gemacht. Genau wie ich fühlt auch sie sich nicht deutsch, sondern jamaikanisch. Auch in ihrem Leben gab es Momente, in denen sie sich nicht dazugehörig gefühlt hat. Auf die Frage, wie sie mit den Problemen zurechtkommt, sagt sie, dass es sie eigentlich nicht stört. Weder ich noch sie sind jemals aus rassistischen Gründen körperlich angegriffen worden – worüber wir sehr froh sind. Trotzdem: „Jede Form von Rassismus ist Gewalt“, sagt auch die Buchautorin Noah Sow und der Meinung bin ich auch. Noah Sow ist eine in Deutschland lebende Musikerin und Produzentin. Ihr Buch „Deutschland Schwarz Weiß – der alltägliche Rassismus“ entdeckte ich zufällig bei einem Büchereibesuch. In dem Buch schildert sie verschiedene alltägliche rassistische Begegnungen. Obendrein macht sie deutlich, dass Rassismus noch existiert und wie man ihn bekämpfen kann. Wenn mich heute einer mit dem N-Wort bezeichnet, spreche ich ihn darauf an. Die Welt wird moderner, Barack Obama ist US-Präsident und Sara Nuru ist „Germanys next Topmodel“.


Traurig machen mich solche Sachen seit meinen Erlebnissen in der Schulzeit nicht mehr. Ich habe gelernt, mit diesen Situationen umzugehen. Ich lebe seit September nicht mehr auf dem bayrischen Land, sondern in Freiburg, einer etwas aufgeklärteren Stadt. Auch das macht mein Leben in dieser Hinsicht einfacher. Deutschland ist ein schönes Land und durch „Multikulti“ ist es etwas ganz Besonderes. Ich bin gerne hier.

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